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Sun-Grown-Terroir: Was Mendocino über standortspezifisches Cannabis verrät
Von Simon Seidler
Eine Ernte in Mendocino, aus der Nähe betrachtet
Der Nebel im Mendocino County verzieht sich nur langsam. Bis in den späten Morgen hängt er in den Flusstälern, manchmal noch länger und auf den Hügeln darüber hält sich die feuchte Kühle weit über den Sonnenaufgang hinaus. Wenn das Licht endlich die Beete von Sunrise Gardens erreicht, dampft die Begrünung schon leicht: Klee, Stroh und ein schwacher Gärgeruch dort, wo die Mulchschicht in den Boden darunter übergeht.
Hier beginnt die Ernte. Nicht mit einem Timer, nicht mit einem Erntefenster in der Tabelle, sondern mit einem Gang durch die Reihen. Frank Wilker, der die Farm führt und 2023 den Emerald Cup gewann, liest die Pflanzen, wie andere das Wetter lesen: wie sich das Harz entwickelt, wie ein Zweig am Gewicht seiner Blüte trägt, wie die Trichome unter der Lupe umfärben. Der Kalender ist bestenfalls ein grober Anhaltspunkt. Wann geerntet wird, sagt die Pflanze.
Zwei Saisons habe ich bei Sunrise Gardens verbracht. Die erste im Herbst 2025 – Blüte, Ernte, Aufbereitung. Die zweite ab dem Frühjahr 2026, vom Krauten bis zum Poison Oak entfernen und das Auspflanzen bis zum Aufbau der Bewässerung. In diesen Monaten fiel mir etwas auf, das sich zunächst kaum in Worte fassen ließ und doch immer schwerer zu übersehen war: Das Cannabis von diesen Hängen hatte einen Charakter, der ganz diesem Ort zu gehören schien. Nicht einfach „gutes Outdoor" im üblichen Sinn. Sondern etwas, das an genau diese Mischung gebunden war: roter Tonlehm, Küstennebel, große Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht und fünf Monate ungefilterte Mendocino-Sonne.
Für diese Eigenheit gibt es einen Begriff. Im Weinbau heißt sie Terroir. Bleibt die Frage, ob er bei Cannabis überhaupt etwas bedeutet und wie die Biologie dahinter tatsächlich aussieht.

Terroir: ein geliehener Begriff, ein echtes Phänomen
Der Begriff kommt aus dem französischen Weinbau. Winzer fassen damit die gesamte natürliche Umgebung, in der eine Rebe wächst: Boden, Topografie, Klima und die mikrobiellen Gemeinschaften, die das alles verbinden. Ein Pinot Noir aus dem Burgund schmeckt anders als einer aus dem Willamette Valley – selbst wenn beide demselben Klon entstammen. Der Ort prägt die Pflanze.
In der Cannabisszene – bei Anbauern wie Forschern – wird das Konzept seit gut einem Jahrzehnt vorsichtig übernommen. Vorsichtig deshalb, weil die wissenschaftliche Literatur noch dünn ist, weil die Prohibition die systematische Forschung über Jahrzehnte ausgebremst hat und weil der Begriff in den Marketingabteilungen schneller ankommt als in den Laboren. Doch die Biologie dahinter ist real. Und sie verdient es, ernst genommen zu werden – als Phänomen, nicht als Marketingvokabel.
Bei Cannabis wirkt Terroir über drei ineinandergreifende Faktoren: Bodenchemie und Mikrobiologie, Mikroklima sowie das Zusammenspiel von Genetik und Umwelt. Keiner davon wirkt für sich. Erst zusammen formen sie, was am Ende im Trichom steckt – und später auf dem Gaumen.
Der Boden als Geschmacksmotor
Terpene entstehen nicht aus dem Nichts. Die Pflanze baut sie aus Vorstufen auf, die sie aufnimmt, umwandelt und über eine Kette enzymatischer Schritte verteilt, ein großer Teil davon beginnt im Boden.
Die wichtigsten Terpene im Cannabis – Myrcen, Limonen, Beta-Caryophyllen, Linalool, Terpinolen, Pinen und andere – sind Isoprenoide. Ihre Biosynthese verläuft über zwei Stoffwechselwege: den cytosolischen Mevalonat-Weg (MVA-Weg), der vor allem für Sesquiterpene zuständig ist, und den plastidären Methylerythritolphosphat-Weg (MEP-Weg), der die Monoterpene übernimmt. Beide greifen auf Kohlenstoffgerüste aus der Photosynthese zurück. Wie effizient sie laufen und in welchem Verhältnis zueinander, hängt aber davon ab, welche mineralischen Cofaktoren und mikrobiellen Zwischenprodukte die Rhizosphäre bereitstellt. Wer den Boden verändert, verändert die Ausgangsstoffe dieser Stoffwechselwege.
Hier macht der lebendige Boden (Living Soil) seinem Namen alle Ehre.

Lebendiger Boden bei Sunrise Gardens mit Regenwürmern.
Ein biologisch aktiver Boden ernährt nicht die Pflanze direkt. Er ernährt das System rund um die Pflanze. Vielfältige Bakteriengemeinschaften, funktionierende Mykorrhiza-Netzwerke und ein intaktes Räuber-Beute-Gleichgewicht in der Mikro- und Mesofauna mineralisieren organische Substanz laufend und nach Bedarf – nicht nach dem Düngeplan des Anbauers. Phosphor, von Bacillus-Arten gelöst, wird genau dann verfügbar, wenn Wurzelexsudate Bedarf melden. Schwefel wandert über Pilzhyphen in einem Tempo durchs Bodenprofil, das die Pflanze auch wirklich nutzen kann. Zink, freigesetzt durch organische Säureexsudate, erreicht die Wurzelzone in chelatierter Form – nicht als Salz, das um Aufnahmestellen konkurriert. Zeitpunkt und Bioverfügbarkeit dieser Stoffflüsse steuert man über die Pflege der Bodenbiologie, nicht über einen EC-Sollwert. Das ist ein grundlegend anderes Verhältnis zwischen Anbauer, Boden und Pflanze.
Bei Sunrise Gardens folgen die Bodengaben genau dieser Logik. Präparate aus dem Korean Natural Farming (KNF) – fermentierter Pflanzensaft (FPJ) aus Apfeln, Bananen oder heimischen Pflanzen wie Winterportulak und Kojotenbusch, wasserlösliches Kalzium aus Eierschale und Essig, Milchsäurebakterien-Serum – kommen nach Wachstumsphase aus, nicht nach festem Kalender. Der Gedanke dahinter ist biologisch: Man nährt die mikrobielle Gemeinschaft mindestens so sehr wie die Pflanze und vertraut darauf, dass diese Gemeinschaft regelt, was bei der Pflanze ankommt.

Die Forschung speziell zu Cannabis hinkt beim Weg vom Boden zum Terpen noch hinterher. Arbeiten an anderen Aromapflanzen sind aber aufschlussreich. Studien an Basilikum (Ocimum basilicum) und Lavendel (Lavandula angustifolia) zeigen, dass eine Mykorrhiza-Beimpfung die Profile flüchtiger Verbindungen verändert – und zwar weit über reine Nährstoffeffekte hinaus. Die Pilzsymbiose scheint also direkt mitzubestimmen, wie die Pflanze ihre Sekundärmetabolite verteilt und weil Cannabis unter natürlichen Bedingungen ein starker Mykorrhiza-Wirt ist, sind ähnliche Effekte biologisch naheliegend – dies müsste dringend systematisch untersucht werden.
Eines kann der Boden allerdings nicht: sich vom Geschehen über der Erde abkoppeln. Beide stehen in ständigem Austausch.
Mikroklima: Mendocino als Fallbeispiel
Mendocino County liegt dort, wo Meeresluft und kontinentale Hitze frontal aufeinanderprallen. An den meisten Morgen drückt der Pazifik Nebel durch die Flusstäler, am Nachmittag klettern dieselben Täler auf 35-40 °C. Diese Spanne zwischen Tag und Nacht – mitunter 20 °C und mehr – erzeugt ein bestimmtes physiologisches Stressmuster.
Kalte Nächte bremsen die vegetativen Prozesse und scheinen die Bildung von Sekundärmetaboliten zu bündeln – vor allem spät in der Blüte, wenn die Pflanze ihre Ressourcen Richtung Fortpflanzung umlenkt. Das ist keine Cannabis-Besonderheit, bei vielen Aromapflanzen steigt der Gehalt an ätherischen Ölen unter mildem Temperaturstress – eine gut belegte Reaktion, bei der Terpensynthase-Gene hochreguliert werden. Ein Teil davon geht auf die UV-Strahlung zurück, ein anderer auf eine Verschiebung im Kohlenstoffhaushalt: Wenn das Wachstum nachlässt, bleibt der Pflanze mehr für die Chemie.
Bei Sunrise Gardens kommt die Höhenlage hinzu. Die Farm liegt in den Hügeln über der Talsohle: mehr direkte UV-Strahlung, bessere Luftbewegung, eine Saison, die etwas früher endet als unten an der Küste dafür aber etwas weniger Luftfeuchtigkeit und mit intensiverem Licht im Spätsommer. Tonschwerer, einheimischer Boden – verbessert, aber nicht ausgetauscht –, lange Tage auf 39° nördlicher Breite und der Temperaturwechsel eines küstennahen Berglands: Diese Kombination ergibt Wachstumsbedingungen, die sich mit keiner Klimasteuerung nachstellen lassen. Einzelne Variablen lassen sich annähern. Das Ganze nicht.
Pflanzenphysiologen sprechen von Umweltheterogenität: schwankende Wachstumsbedingungen, die die Pflanze zu Anpassungsreaktionen zwingen. Gleichförmige Indoor-Umgebungen, so präzise geregelt sie auch sein mögen, schalten genau diese Schwankungen ab – mit Absicht. Die Frage ist, ob daraus Verbindungen oder Verbindungsverhältnisse entstehen, die eine kontrollierte Umgebung gar nicht erreichen kann. Die ehrliche Antwort: oft ja, manchmal nein – und noch fehlen uns die Werkzeuge, um vorherzusagen, wann was gilt.
Licht: Was die Sonne kann, was LEDs (noch) nicht können
Sonnenlicht im vollen Spektrum enthält Wellenlängen, die die meisten Pflanzenlampen entweder ganz auslassen oder nur in einem Bruchteil der Outdoor-Intensität liefern. Am meisten diskutiert wird mit Blick auf den Sekundärstoffwechsel die UV-B-Strahlung zwischen 280 und 315 nm. Die Sache ist hier komplizierter, als die Debatte glauben macht – und es lohnt, sie genau zu nehmen.
Eine ältere Studie von Lydon et al. (1987) fand bei zwei Cannabis-sativa-Chemotypen einen positiven Zusammenhang zwischen UV-B und Cannabinoidgehalt – ein Befund, der in Anbauerkreisen weite Kreise zog. Neuere, sauberer kontrollierte Arbeiten haben das Bild verkompliziert. Bei Rodriguez-Morrison et al. (2021) senkte mehr UV-B den Gesamtterpengehalt in beiden getesteten Sorten sogar – und in einer davon auch den THCA-Gehalt. Llewellyn et al. (2022) kamen unter kontrollierten Indoor-Bedingungen zum selben Ergebnis: Zusätzliches UV brachte keinen kommerziell nennenswerten Zuwachs bei Cannabinoiden oder Terpenen.
Das widerlegt das Terroir-Argument nicht – es schärft es. Denn diese Studien prüfen eine einzelne Variable in einer sonst stabilen Umgebung. Eine Pflanze, die fünf Monate in der vollen kalifornischen Sonne steht, erlebt etwas grundlegend anderes: UV als einen Baustein in einem ständig wechselnden Vollspektrum-Licht – überlagert von Temperaturwechseln, schwankendem CO₂ im Tagesverlauf und einer biologisch aktiven Rhizosphäre. Zandkarimi et al. (2023) von der Columbia University verglichen genetisch identische Pflanzen – indoor gegen outdoor in lebendigem Boden – und fanden deutlich unterschiedliche Stoffwechselprofile: mehr Sesquiterpene, mehr seltene Cannabinoid-Varianten und ein spürbar aromatischeres, harzigeres Outdoor-Produkt. Genau diesen kontrollierten Vergleich hat dem Feld bislang gefehlt.
Sonnenlicht ist aber mehr als UV. Es enthält Fernrot-Anteile, die das Phytochromsystem ansprechen und damit Wuchsform, Blühumstellung und die Effizienz der Kohlenstoffbindung beeinflussen. Der Emerson-Verstärkungseffekt – bei dem gleichzeitiges Rot- und Fernrotlicht mehr Photosynthese erzeugt als jede Wellenlänge für sich – ist gut dokumentiert und wird im LED-Design zunehmend berücksichtigt. Doch die ganze Komplexität des Sonnenlichts – zugleich Energiequelle für die Photosynthese und Entwicklungssignal, über eine komplette Saison hinweg – bildet bisher keine Lampe nach.
Eine Pflanze, die von Juni bis Oktober in der Mendocino-Sonne ausreift, bekommt nicht einfach mehr Licht. Sie bekommt anderes Licht: dynamisch, spektral vollständig, je nach Wetter, Sonnenstand und Jahreszeit so wandelbar, dass keine Lampe mithalten kann.
Genetik × Umwelt: dieselbe Pflanze, ein anderer Ausdruck
Terroir ist nicht nur der Ort. Es ist das Zusammenspiel von Ort und Genetik. Dieselbe Sorte, derselbe Genotyp, in zwei verschiedenen Umgebungen gezogen, ergibt einen anderen Phänotyp. Das ist kein Defekt der Genetik, sondern phänotypische Plastizität – und genau darum geht es.
Welche Gene wie stark abgelesen werden, hängt von Umweltsignalen ab: Lichtqualität und -menge, Temperatur, Wasserangebot, Bodenchemie und die Mikrobengemeinschaft an den Wurzeln. Eine Sorte, bei der indoor das Linalool dominiert, kann sich Outdoor zu Myrcen oder Caryophyllen verschieben – weil sich die Signale geändert haben, die die Terpensynthase-Gene steuern. Ein COA aus der einen Umgebung sagt nichts darüber, was dieselbe Pflanze anderswo macht.
Zandkarimi et al. (2023) haben das konkret gezeigt: gleiche Genetik, andere Umgebung, deutlich andere Profile. Outdoor in lebendigem Boden bildeten sich mehr Sesquiterpene und seltene Cannabinoide. Gleiche Gene, anderer Ort – eine andere Pflanze.
Ich habe darüber mit Nate Heights von Higher Heights gesprochen, einer Farm im Mendocino County, die seit Jahrzehnten im Emerald Triangle Genetik anbaut und selektiert. Seine Beobachtung war unmissverständlich: Hol eine Sorte aus ihrer Ursprungsumgebung, bring sie etwa von Hawaii nach Kalifornien – und du verlierst etwas. Nicht ein bisschen. Erheblich. Das Geschmacksprofil verschiebt sich, die aromatische Wucht lässt nach, und was die Pflanze in ihrem Ursprungskontext besonders machte, übersteht den Umzug nicht ganz. Sein Argument: Genetik trägt eine Art Umweltgedächtnis in sich – angepasst an die ganz bestimmte Mischung aus Boden, Licht, Luftfeuchte und saisonalem Rhythmus, in der sie selektiert wurde. Versetzt man sie, driftet der Ausdruck ab. Sie wächst, sie blüht, sie bildet Cannabinoide – aber es ist nicht mehr ganz dieselbe Pflanze.
Das ist keine Außenseitermeinung. Sie deckt sich mit dem, was die Pflanzenbiologie über phänotypische Plastizität und lokale Anpassung bei mehrjährigen Kulturen weiß. Und sie hat eine praktische Konsequenz, die die Branche meist übersieht: Wer Phänotypen nur in einer Umgebung selektiert, optimiert für genau diese Umgebung. Genetik, die unter der Sonne und im Boden von Mendocino entstanden und stabilisiert ist, trägt diesen Kontext mit sich. Unter LEDs im Klimaraum liefert sie ein Ergebnis – aber wohl nicht das ganze.
In der Saison 2025 machten das bei Sunrise Gardens drei Sorten sichtbar. Tropicana Cherry (Relentless Genetics, Tropicana Cookies × Cherry Cookies F3) gilt auf dem Papier als zitruslastig; in den meisten Indoor-COAs führt Limonen. Das COA der Sunrise-Ernte 2025 erzählte eine andere Geschichte: Beta-Caryophyllen vorn mit 3,749 mg/g, Limonen dahinter mit 2,944 mg/g, Linalool an dritter Stelle mit 1,460 mg/g. Gesamtterpenoide 1,1847 %, Gesamt-THC 26,95 %. Die Beta-Caryophyllen-Synthese reagiert empfindlich auf Temperatur. Die Mendocino-Spannen zwischen Tag und Nacht verschoben die Terpenhierarchie in eine Richtung, die indoor aus demselben Schnitt nie herausgekommen wäre.

Im Glas roch sie nicht nach der Beschreibung des Züchters. Schwarzwälder Kirschtorte ohne die Schokolade, wenig Zucker, etwas fast Herzhaftes unter der Frucht. Der Rauch war schwer, harzig, ölig auf eine Art, die in der Brust bleibt. Kein schneller Zitrus-Kick, sondern ein langsames, vielschichtiges Aroma, das einen Moment braucht, um sich zu öffnen. Das kam nicht aus der Flasche, sondern vom Hang.
Pinnacle (Purple City Genetics, Slurty 3 × Gush Mints) lief im Oktober violett an – nicht weil jemand an der Temperatur gedreht hätte, sondern weil eben Oktober war. Die Anthocyan-Färbung war eine direkte Umweltreaktion: Dieselben Tag-Nacht-Spannen, die bei der Trop Cherry die Terpenhierarchie verschoben, lösten hier die Pigmentierung aus. Indoor erzwingt man das Violett, indem man die Nachttemperatur kurz absenkt. Outdoor in Mendocino macht es schlicht die Jahreszeit. Forbidden Blueprint (Purple City Genetics, Forbidden Fruit × Watermelon Zkittlez × Blueprint) brachte ein wuchtiges Profil aus exotischen Früchten und Süßkram mit, das über die lange Mendocino-Reife immer tiefer wurde. Genetik mit so viel Fruchtpotenzial entfaltet sich in einer langsamen, natürlich belichteten Outdoor-Saison meist vollständiger als in einem starren 12/12-Indoor-Zyklus. Das längere Reifefenster lässt die Sekundärmetabolite zu Ende reifen. Indoor-Erntepläne kappen das meist vorher.

Das Messproblem
An dieser Stelle muss die ehrliche Fassung des Terroir-Arguments einen Gang zurückschalten.
Die Biologie ist schlüssig, die Mechanismen sind real. Doch die Datenlage bei Cannabis ist dünner, als die Begeisterung um den Begriff vermuten lässt – und das gehört klar gesagt.
Die Cannabisforschung war jahrzehntelang unterfinanziert und rechtlich schwer. Die begutachtete Literatur zu Terpen-Umwelt-Wechselwirkungen ist mager – jedenfalls im Vergleich zu eng verwandten Kulturen. Hopfen (Humulus lupulus) etwa wird von der Brauindustrie kräftig beforscht; die Literatur zum Hopfen-Terroir ist entsprechend weiter. Cannabis holt auf, aber nur mit langsamen Schritten.
Standard-Certificate of Analysis/COA-Daten haben ein grundsätzliches Problem: Terpene sind flüchtig, und ein COA erfasst nur einen einzigen Zeitpunkt nach der Ernte. Handling nach der Ernte, Trocknungstempo, Temperatur, Luftfeuchte, Curing-Methode, Verpackung – all das wirkt erheblich auf das Terpenprofil ein, bevor es überhaupt im Labor ankommt. Zwei identische Pflanzen, am selben Tag geerntet, aber unterschiedlich gecured, liefern verschiedene COA-Werte. „Outdoor-Terroir" und „Indoor-Anbau" allein über COA-Daten verschiedener Betriebe zu vergleichen, ist ohne kontrolliertes Studiendesign so gut wie aussagelos.
Und es fehlt ein standardisierter Rahmen für die sensorische Bewertung. Der Wein hat das WSET, der Kaffee das Q-Grading. Cannabis hat Enthusiasten mit unterschiedlichen Gaumen und uneinheitlichem Vokabular. Ausgerechnet die sensorische Dimension des Terroirs – aus Konsumentensicht vielleicht die wichtigste – lässt sich derzeit nicht reproduzierbar festhalten.
Nichts davon widerlegt die Terroir-Hypothese. Es heißt nur: Sie stützt sich bislang auf eine starke mechanistische Plausibilität und auf übereinstimmende Beobachtungen erfahrener Anbauer – noch nicht auf die replizierten, begutachteten Feldstudien, die einen Skeptiker überzeugen würden. Die Zandkarimi-Studie ist ein wichtiger Schritt, aber nicht das letzte Wort. Diese Lücke ist eine Forschungschance – kein Grund, das Konzept fallenzulassen.
Warum das wichtig ist
Wenn Terroir bei Cannabis real ist – und die Biologie legt das nahe, auch wo die Messbarkeit hinterherhinkt –, dann hat das handfeste Folgen: dafür, wie die Branche aufgebaut ist, wie Produkte bewertet werden und ob kleine Farmen überhaupt überleben.
Sonnengewachsenes Cannabis aus einer bestimmten Region, mit dokumentierter Bodenbiologie und nachvollziehbarer Anbaupraxis, steht für etwas, das sich nicht beliebig skalieren oder verlagern lässt. Eine Farm in Mendocino, die in verbessertem einheimischem Boden arbeitet, ihre KNF-Präparate selbst ansetzt, über die Saison eine lebendige Begrünung pflegt und im Oktober von Hand erntet, bringt etwas Ortsgebundenes hervor. Die Ökonomie ist eine andere als beim Lagerhallen-Grow oder Biomass Feldern. Das Produkt und der Preis sollte das widerspiegeln.
Dieselbe Logik greift in Europa, auch wenn der rechtliche Rahmen anders aussieht. Deutsche Cannabis Social Clubs unter dem CanG von 2024 sind gesetzlich darauf verpflichtet, nicht-kommerziell, für ihre Mitglieder und in festgelegten Mengen anzubauen. Was meist als reine Beschränkung gelesen wird, ähnelt strukturell genau dem, was die Terroir-Produktion kleiner Farmen in Kalifornien ausmacht: überschaubare Größe, bekannte Herkunft, ein direkter Draht zwischen Anbauer und Konsument. Ein CSC, der in lebendigem Boden anbaut, seine Betriebsmittel dokumentiert und gegenüber den Mitgliedern transparent ist, hat die Grundlage für eine Terroir-Differenzierung schon im Rechtsmodell angelegt. Es fehlen nur Vokabular und Messwerkzeuge, um sie zu vermitteln. Das Mendocino-Modell liefert dafür einen konkreten Bezugspunkt.
In den USA bauen Zertifizierungen wie Sun+Earth und Clean Green Certified bereits eine Infrastruktur für herkunftsbasierte Differenzierung auf – sie prüfen nicht nur die Betriebsmittel, sondern auch Anbaupraxis und die Lebensgrundlagen der Bauern. Für den CSC-Kontext hat Europa noch nichts Gleichwertiges, aber die rechtliche Basis ist da. Transparenzpflicht gegenüber den Mitgliedern, Dokumentation der Betriebsmittel und das Gebot der Nicht-Kommerzialität sind ein Anfang. Es braucht nur den Willen, sie als Qualitätsargumente zu begreifen statt als Compliance-Papierkram.
Für Konsumenten heißt das: andere Fragen lernen. Nicht nur „Wie viel THC?", sondern wo das gewachsen ist, in welchem Boden und von wem. Cannabis steuert auf dieselbe Herkunftskompetenz zu, wie sie in der Spezialitätenkaffee- und Naturweinszene längst besteht. Von allein passiert dieser Wandel nicht. Er braucht Anbauer, die die Geschichte erzählen können und Konsumenten, die zuhören wollen.
Für Anbauer – ob am Hang in Mendocino oder im Berliner Growroom – ist der Einsatz für lebendigen Boden, für das Verständnis der eigenen Betriebsmittel, dafür, die Pflanze auf ihre Umwelt reagieren zu lassen statt diese Reaktion zu unterdrücken, nicht bloß eine ökologische Entscheidung. Das ist ein Qualitätsargument. Es ist der Unterschied zwischen einem Produkt mit einer Geschichte und einer Ware mit einer Zahl.
Der Boden unter der Pflanze ist kein passives Substrat. Er ist aktiv beteiligt an dem, was aus der Pflanze wird. Das ist keine Metapher. Das ist Biologie.
Simon Seidler hat zwei Saisons bei Sunrise Gardens im Mendocino County, Kalifornien (2025 und 2026), gearbeitet, unter Frank Wilker (Emerald Cup 2023). Er ist zudem Senior Grower und Head of Harvest beim Cannabis Social Club Hannover und schreibt über regenerativen Anbau für cannabisblog.eu und research-gardens.com.
Wichtige Quellen und weiterführende Literatur
- Booth, J.K., Page, J.E., Bohlmann, J. (2017). Terpene synthases from Cannabis sativa. PLOS ONE, 12(3).
- Deng, C., et al. (2012). Effect of arbuscular mycorrhizal fungi inoculation on volatile compounds in basil. Food Chemistry, 132(4).
- Llewellyn, D., et al. (2022). Indoor grown cannabis yield increased proportionally with light intensity, but UV radiation did not affect yield or cannabinoid content. Frontiers in Plant Science, 13.
- Lydon, J., Teramura, A.H., Coffman, C.B. (1987). UV-B radiation effects on photosynthesis, growth and cannabinoid production of two Cannabis sativa chemotypes. Photochemistry and Photobiology, 46(2).
- Rodriguez-Morrison, V., Llewellyn, D., Zheng, Y. (2021). Cannabis inflorescence yield and cannabinoid concentration are not increased with exposure to short-wavelength UV-B radiation. Frontiers in Plant Science, 12.
- Zandkarimi, F., et al. (2023). Comparison of the cannabinoid and terpene profiles in commercial cannabis from natural and artificial cultivation. Molecules, 28(2), 833.
- Emerson, R., et al. (1957). Enhancement by light of longer wavelength upon quantum yield of photosynthesis. PNAS, 43(1).
- KNF Network / Youngsang Cho. JADAM Organic Farming (2016).
- Sun+Earth Certification Standards: sunandearth.org
- Clean Green Certified: cleangreencert.com
